Behinderte haben jetzt mehr Platz für Gemeinschaft

Teterow. 

Waltraud und Mario Büchler freuen sich auf Weihnachten. „Wir feiern alle zusammen im neuen Raum“, erzählt die 44-Jährige, die im Wohnheim für Behinderte der Güstrower Werkstätten in der Teterower Niels-Stensen-Straße lebt. Es soll auch noch ein großer Tannenbaum aufgestellt werden. Wenn der Anbau am Haus in der Nummer 19 auch noch nicht ganz fertig ist, ist es hier schon weihnachtlich gemütlich. Auf den Tischen stehen ein Adventsstrauß und Teller mit Pfeffernüssen, auf den Möbeln Enten im Weihnachts-Outfit. Nur der Blick nach draußen erinnert noch an eine Baustelle. Seit Juni sind im Haus Handwerker, haben in der Küche die Wand zur Straße durchbrochen und einen größeren Gemeinschaftsraum angebaut.

Die Hilfe kommt von Herzen

Der Fußboden mit Heizung ist neu, das Holz an der Decke noch ganz frisch, eine große Glastürenfront macht den Raum besonders hell. Die oben liegenden Wohnungen erhalten Balkone. „Erst richtig schön wird es, wenn die Außenanlagen gemacht sind und die Bewohner im Sommer nach draußen gehen können“, sagte Heiko Kastl, Gebäudemanager der Güstrower Werkstätten. Er hat mit dem Wohnheim zusammen den Anbau geplant. Die Baukosten belaufen sich inzwischen auf rund 130.000 Euro. Realisiert werden konnte das Projekt auch dank einer Spende des Leserhilfswerks des Nordkurier. Chefredakteur Jürgen Mladek, der Vorstandsmitglied im Leserhilfswerk Nordkurier  e. V. ist, hat am Dienstag einen symbolischen Scheck über 28.000 Euro an Heimleiterin Sabine Lehmann übergeben. Die Hilfe komme von Herzen, sagte er. Es sei ein schöner Raum für Begegnungen geworden.

Bewohner wollen nicht gern allein sein

„Wir sind oberglücklich und können jetzt mehr zusammen machen“, sagte Sabine Lehmann. Nicht nur das Umfeld für die Bewohner habe sich verschönert, sondern auch die Bedingungen für die Mitarbeiter. Als das Haus Anfang der 1990er-Jahre umgebaut worden war, sei man zunächst davon ausgegangen, dass die Leute mit Handicap in den Wohnungen betreut werden. Doch immer mehr habe das Bedürfnis nach Gemeinschaft bestanden. „Die Bewohner wollen nicht gern allein sein, suchen die Gemeinschaft“, erklärte die Heimleiterin. Viele seien jetzt um die 60, arbeiten nicht mehr in der Werkstatt. Sie wollen zusammen backen, basteln, lesen. 14 Menschen leben derzeit im Wohnheim sowie in Einzelappartments im alten Anbau. Der Älteste ist 71 Jahre alt, die Jüngste Mitte 20.

Zu DDR-Zeiten lebten hier behinderte Kinder

Das um 1920 gebaute Haus war mit Anbau früher nicht nur Bibliothek und Eierannahmestelle, sondern zu DDR-Zeiten schon eine Fördereinrichtung für behinderte Kinder. Auch Waltraud Büchler war als Kind schon die Woche über hier, am Wochenende bei ihren Eltern. Mit 20 Jahren sei sie ins Wohnheim gezogen, zuerst in die Löwenvilla gegenüber, dann hierher. Dort lernte sie Mario kennen, seit 23 sind sie ein Paar. Im August 2017 haben sie geheiratet. „Wir fühlen uns sehr wohl hier“, sagte der 52-jährige Ehemann, der mit Frau und Katze Caroline im Obergeschoss wohnt. Beide sind gern auch mit den anderen Bewohnern zusammen. „Der neue Raum ist richtig schön geworden“, schwärmte Waltraud Büchler. Zusammen essen sie hier Mittag mit den anderen und treffen sich zum Kaffeetrinken. Eine Weihnachtsfeier haben sie hier auch schon veranstaltet. Doch jetzt sind sie ganz gespannt auf die große Tanne, die bald ihren neuen Gemeinschaftsraum schmücken soll.